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Im Gespräch mit Reinhold Messner (2005)

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Herrscher ohne Reich

Reinhold Messner im Gespräch über den Dalai Lama.

Sie sind dem Dalai Lama häufig begegnet. Wie würden Sie ihn beschreiben?
Er besitzt eine starke Ausstrahlung und kann sehr witzig sein. Er hat sich das Selbstverständnis eines Weltmannes erarbeitet. Er ist ein sehr neugieriger Mensch, einer, der nicht nur erzählt, sondern auch aufnimmt. Er hat sich von allen Leuten, die ich getroffen habe, am hintergründigsten mit mir über den Yeti auseinandergesetzt. Und er spricht in einfachen Bildern. Deshalb ist er als Vortragender so gut.

Der Dalai Lama lebt im indischen Exil. Wie kann er sich da für Tibet stark machen?
Er selber kann gar nicht in die Politik zwischen China und Tibet eingreifen, weil die Chinesen ihn als den großen Feind sehen. Er ist ja ein religiöser und weltlicher Führer, der Gottkönig der Tibeter. Und er ist bis heute der Erhalter dieser Religion und Kultur, die die Chinesen den Tibetern nicht mehr zugestehen wollen. Mit dem Dalai Lama zu verhandeln, hieße, ihn als tibetischen Führer anzuerkennen.

Was bedeutet dies für den Dalai Lama?
Er wird weltweit immer noch als der Gottkönig der Tibeter anerkannt, und er hat weltweit eine größere Gemeinde als in Dharamsala, wo 40 000 Tibeter leben. Inzwischen gibt es außerhalb der tibetischen Volksgruppe viele Lamaisten. Ihre Religion ist im Grunde eine atheistische Lebenshaltung.

Warum unterbindet China die religiöse und kulturelle Eigenständigkeit Tibets?
Nachdem Mao Tse-tung an die Macht kam, haben die Chinesen sich sofort daran gemacht, Tibet dem chinesischen Reich einzuverleiben. Sie brauchten das Land als Puffer zwischen der Sowjetunion, Indien und China. Und sie brauchen die gewaltigen Bodenschätze.
Die Zerstörung Tibets ging in zwei Wellen vonstatten. Bei der Inbesitznahme war der Dalai Lama 14 Jahre alt. Seine Berater, zum Teil von den Chinesen bestochen, wie man heute weiß, haben 1949 die Chinesen eingeladen, Straßen nach Lhasa zu bauen. Nachdem die Straßen gebaut waren, kamen die Panzer. 1959 floh der Dalai Lama über den Himalaya nach Indien. Er lebt im Exil. In den 60er-Jahren folgte die Kulturrevolution. Die Chinesen haben die tibetische Kultur ausgelöscht, haben unzählige Klöster zerstört, die Mönche eingesperrt, eine Million von sechs Millionen Tibetern umgebracht

Wieweit ist es den Tibetern überhaupt möglich, die Religion zu erhalten?
Der Druck der Chinesen fordert die Tibeter heraus, die Religion zu retten. Wenn man sieht, wie viele zum Kailash, ihrem heiligen Berg, pilgern, wie viele beten, gerade im Osten, wo überall Klöster aufgebaut werden, muss man anerkennen, dass die Religion in Tibet lebendig ist und stark.

Was macht den Dalai Lama aus?
Er ist ein Denker, ein Philosoph. Er hat den Friedensnobelpreis bekommen, wenngleich er mit seinem ursprünglichen Ziel, Tibet wieder selbstständig zu machen, nicht erfolgreich war. Heute ist sein Ziel, die kulturelle und religiöse Autonomie Tibets durchzusetzen. Er hat den Chinesen angeboten, im Namen der Tibeter auf wirtschaftliche und politische Eigenständigkeit zu verzichten, das heißt, die Tibeter verzichten damit auch auf die Bodenschätze. Aber die Kultur und die Religion sollen im Rahmen einer echten Autonomie verhandelt werden. Es wäre wirklich das Minimum.

Gehen die Chinesen darauf ein?
Nein. Und je mehr sie mit ihren wirtschaftlichen Erfolgen Schulterklopfen vom Westen bekommen und je mehr die Abhängigkeit des Westens von China wächst, umso mehr geht die Sache des Dalai Lama unter.

Eine deprimierende Entwicklung?
Der Dalai Lama ist ein Herrscher ohne Reich und ein Religionsführer ohne Volk. Denn das eigentliche Volk ist ja in Tibet geblieben. Er wird weitermachen bis zu seinem Lebensende. Das ist auch seine Pflicht. Die Tibeter hoffen immer noch, wenngleich es im Grunde keine Hoffnung gibt, dass er zurückkommt und Befriedung bringt.

Sie selber betreiben inzwischen mehrere Museen und zeigen auf Schloss Juval vor allem Tibetika.
Museen sind für mich Begegnungsstätten. Auf Juval habe ich mit der Ausstellung von Exponaten der tibetischen Kultur begonnen, weil ich davon am meisten beeindruckt bin. Die Chinesen haben die Klöster zerstört und lastwagenweise Bronzen, Tankas (Wandteppiche), bemalte Schränke mitgenommen und auf den Kunstmarkt geworfen. Vieles davon konnte man in London, München oder Zürich erwerben. Damit wurden die Erwerber Bewahrer der tibetischen Kultur. Das ist mit einer hohen Verantwortung verbunden. Es gibt große Sammlungen in Europa, in Japan, in Amerika. Ich habe dem Dalai Lama versprochen, dass ich die Stücke aus meiner Sammlung, von denen ich weiß, in welche Klöster sie gehören, wieder zurückgeben werde, wenn Tibet die kulturelle Eigenständigkeit bekommt. Sie im Moment zurückzubringen, hieße, sie dem Untergang preiszugeben.

© Irene Nießen, 2005

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