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Im Gespräch mit Monika Maron (2007)

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„Männer haben ihre Emanzipation noch vor sich“

Monika Maron hat mit „Ach Glück“ ein leises, intensives, wahrhaftiges Buch geschrieben: über die Liebe zum Leben, über Menschen in der Umbruchphase. Und darüber, dass es immer wieder neue Wege gibt.

Wir begegnen demselben Personal aus Marons Roman „Endmoränen“, Johanna und Achim, beide jenseits der 50, sie Biografin, er Kleist-Forscher. Vier Monate sind vergangen (zwischen dem Erscheinen der beiden Romane liegen allerdings sechs Jahre), als Johanna in „Ach Glück“ zu einer zweiwöchigen Reise nach Mexiko aufbricht. Das muss an sich nichts bedeuten. Im Fall der beiden Protagonisten bedeutet es unendlich viel. Johanna ist auf diese Situation vorbereitet. Nicht aber Achim.

Wir sehen ein Paar vor uns, das 30 Jahre miteinander verbunden ist. Sie fliegt alleine zu zwei verrückten alten Damen nach Mexiko, er bleibt irritiert in Berlin. Was ist passiert?
Unsere ideellen Lebensentwürfe enden lange vor unserem Leben. Diese These stand am Anfang von „Endmoränen“. In „Ach Glück“ sucht Johanna nach Auswegen aus diesem Dilemma, aus dieser öden Restzeit, wie sie es nennt. Sie lässt den Zufall in ihr Leben. Sie findet einen Hund und behält ihn. Sie empfängt einen Lockruf aus Mexiko und folgt ihm. Und sie erfährt wieder den Reiz von Erstmaligkeiten.

Was die Beziehung ins Wanken bringt. Zunächst ganz leise, dann aber als gewaltige Erschütterung, die vor allem den Ehemann betrifft.
Achim fragt sich, wie ein „hergelaufener Hund“ ihr gemeinsames Leben infrage stellen kann. Er versteht nicht, was Johanna sucht. Und er hat überhaupt nicht mehr damit gerechnet, dass sie ihm noch abhanden kommen könnte, weil er sich nicht vorstellen kann, dass sie in einem Mann noch Begehren auslösen kann.

Und was ist mit ihr?
Sie macht ihr Leben unabhängig von Achim, sie sucht das Glück nicht bei ihm und auch bei nicht bei ihrem neuen Freund Igor, in dessen Galerie sie aushilft. Sie beobachtet den Hund, seine kreatürliche, scheinbar grundlose Freude am Leben, seine Fähigkeit zu lieben und Liebe zu empfangen, und sie empfindet ihr eigenes Defizit. Die Konstruktion, die Johanna ihre Arbeit sinnvoll erscheinen ließ, ist durch den Wandel der Zeit zerbrochen, die Tochter ist erwachsen und führt ihr eigenes Leben, das Leben mit Achim ist leidenschaftslos geworden. In dieser Situation kommt es zufällig zu dem Kontakt mit Natalia, einer uralten russischen Aristokratin mit ungewöhnlicher Biografie, die in Mexiko nach ihrer Jugendfreundin Leonora Carrington sucht, einer ebenso alten, berühmten Malerin und Schriftstellerin, einer ungezähmten, furchtlosen Frau.

Von Igor stammt der Satz: „Man muss nur im Leben dafür sorgen, dass es neue Anfänge gibt.“
Und das heißt eben auch: den Zufall zulassen. Das Leben zulassen. Je älter man wird und je mehr das Leben sich geformt hat, umso weniger ist man geneigt, das aufzubrechen und neue Räume zu öffnen, das Gewohnte, das ja zugleich auch Bewährtes ist, infrage zu stellen. Wenn absehbar ist, was, außer Krankheiten und dergleichen, passieren wird, und wir im Absehbaren einfach weitermachen, bis wir sterben, hören wir auf, lebendig zu sein.

Für viele wirkt das Bewährte beruhigend.
Wer damit gut leben kann, soll so leben. Johanna empfindet einen großen Mangel und erlebt ihre Situation als Unglück. Das wird ihr bewusst, als der Hund sie plötzlich mit seiner Freude am Dasein überfällt. Und sie fragt sich, warum kann der das und ich nicht? Der Hund mit seiner Liebe weckt in ihr Gefühle, die sie lange in dieser Heftigkeit nicht mehr gekannt hat und deren Verlust sie bis dahin wie selbstverständlich hingenommen hat. Und nun will sie das Verlorene wiederhaben.

Und dringt bis zur entscheidenden Frage vor: Eigentlich weiß ich nicht, wer ich bin.
Jedenfalls fragt sie sich, ob nicht etwas Fundamentales in ihr ungelebt geblieben ist. Ob sie vielleicht an einer Kreuzung im Leben den falschen Weg gewählt hat. Allerdings fragt sie sich auch, ob sie überhaupt die Wahl hatte.

Halten Sie dies Gefühl für frauentypisch?
Das betrifft auch Männer. Ich glaube aber, dass Frauen darüber das ausgeprägtere Bewusstsein haben und es stärker reflektieren. Das Leben von Frauen hat sich in den letzten 50 Jahren ja unglaublich verändert. Sie mussten sich die Veränderungen erkämpfen und ihre Rolle neu bestimmen. Sie waren also gezwungen, darüber nachzudenken, wer sie sein wollen und auch, was sie von den Männern erwarten.

Für diese Konstellation, die sich so subtil wie unerbittlich in dem Roman vollendet, gibt es eine Schlüsselszene: Achims großer innerer Monolog, zu Beginn des Buches. Johanna ist abgereist. Er versucht sich zu beruhigen, sie sei ja nur für zwei Wochen weg. Doch das Gefühl, was ihn ergreift, ist das eines verlassenen Mannes.
Ich habe mich, gerade weil ich ja auch aus der Sicht eines Mannes schreibe, mit einem Psychotherapeuten über die Sprache der Männer unterhalten. Und der sagt, dass die Männer, im Gegensatz zu den Frauen, ihre Emanzipation noch vor sich haben. Sie werden krank wie die Frauen, aber können ihr Leiden oft nicht artikulieren, weil sie es weniger reflektieren. Achim gerät erst in Bewegung, nachdem Johanna wirklich abgereist ist.

Seine Tochter Laura erklärt ihm die Situation damit, dass seine Frau allmählich ihre Anpassungsfähigkeit verliere. Können Ehen nur so funktionieren?
Ich denke, Ehen funktionieren dann, wenn einer von beiden bereit ist, das Leben des anderen mitzuführen. Schon wenn beide ihre beruflichen Wege mit gleichem Anspruch durchsetzen wollen, wird es schwierig. Zwei gleich starke Menschen, die sich austarieren können und trotzdem die Gemeinsamkeiten erhalten, gibt es sehr selten. Daher ja auch die Neigung der Männer, jüngere Frauen zu nehmen. Oder dümmere. Männer können gut mit dümmeren Frauen leben. Frauen können ganz schlecht mit dümmeren Männern leben.

Das Alter kündigt sich für Frauen unschön an: Sie verlieren ihre Attraktivität, keiner dreht sich mehr um. Ist „Ach Glück“ so etwas wie ein Trostbuch, dass sich trotzdem die Welt wieder öffnen kann?
Ich bin Realistin und schreibe darum sicher kein Trostbuch. Altwerden ist schwer. Am schwersten ist wohl die Zeit, in der man spürt, wie etwas zu Ende geht. Irgendwann weiß man dann: Jetzt ist es passiert. So weit ist Johanna mit 54 Jahren noch nicht, aber sie fühlt sich so, als sei es schon passiert. Sie sucht keinen neuen Mann, sondern sucht das Neue in sich selbst oder in der Welt. Aber diese Zeit zwischen „es hat angefangen zu Ende zu gehen“ und „es ist zu Ende gegangen“ ist für Frauen die schlimmste. Das ist für Männer anders. Männliche Attraktivität definiert sich nicht allein über die glatte Haut, sondern auch über Erfolg und Status.

Es gibt eine Szene, in der Achim sagt, er könne sich nicht vorstellen, dass sich jemand in seine Frau verliebt. Schon allein wegen dieses Satzes gönnt man ihm eine Lektion.
Weil er in seiner Frau immer noch das Mädchen sehen kann, als das er sie kennengelernt hat, und weil er glaubt, dass jemand, der sie so nicht kennt, sich auch nicht in sie verlieben kann. Er kommt gar nicht auf die Idee, ein anderer Mann könnte seine Frau so, wie sie heute ist, anziehend finden. Und Johanna selbst glaubt das übrigens auch.

Sie bieten für das Problem im Buch keine Lösung an. Wird die in einem dritten Buch erscheinen?
Gewiss nicht. Denn mir selber fallen zu dem Thema nur Fragen ein und keine Antworten. Es geht vor allem darum, dass wir offen bleiben, dass wir nicht sagen müssen: Auf diese Weise sind wir alt geworden und jetzt warten wir darauf, dass wir auf diese Art auch sterben. Glück ist nicht etwas, das wir finden und dann auf ewig behalten. Glück heißt: nach Glück streben. Wer aufhört, nach dem Glück zu streben, wird unglücklich sein. 90 Prozent der Mexikaner, die unvergleichlich ärmer sind als wir, bezeichnen sich als glücklich. Sie können es sich gar nicht leisten, nicht täglich um ihr Glück zu kämpfen.

Wie empfinden Sie Ihr Lebensalter?
In vier Jahren werde ich 70. Das ist ziemlich alt, aber ich kann das noch nicht fühlen.

Welche Botschaft möchten Sie über das Älterwerden vermitteln?
Ich finde am Alter nichts, gar nichts schön. Alles Lohnenswerte muss man ihm abtrotzen. Man muss einfach so tun, als würde man 300 Jahre alt.

Kommen wir noch einmal auf den Titel zurück. „Ach Glück“ klingt recht lapidar.
Auf jeden Fall unsentimental. Wir leben, um unser Glück zu finden, und es entwischt uns immer. So ist das Leben. Und trotzdem versuchen wir immer wieder, uns unserer Vorstellung von Glück zu nähern.

Was ist für Sie Glück?
Ich kann nur sagen, was für mich die Voraussetzung von Glück ist. Ich kann mir kein Leben ohne Freiheit und Unabhängigkeit und gleichermaßen ohne Bindung und ohne Liebe vorstellen. Wobei ich nicht sage, dass es eine geschlechtliche Liebe sein muss. Und gelingendes Tun. In meinem Fall: Schreiben.

Von einigen männlichen Kritikern gab es derbe Verrisse, als Ihr Buch erschien.
Ja, aber leider konnte man nur erfahren, warum sie die Heldin nicht leiden konnten. Den einen hat sie genervt, weil sie unzufrieden war, der andere fand gemein, dass sie ohne Achim einfach nach Mexiko gereist ist. Es gibt Kritiker, die vorrangig beschreiben, wie ihnen zumute war, als sie das Buch gelesen haben und gerade noch, ob es ihnen gefallen hat oder nicht. Das Urteil zu begründen, und dann womöglich noch nach literarischen Kriterien, verletzt offenbar die eigene Exklusivität.
Und wenn dann noch, ohne Sinn und Verstand, die Autorin mit der Romanfigur gleichgesetzt wird, etwa so: Monika Maron berichtet aus ihrem Leben im intellektuellen Vorruhestand, ringe ich hin und wieder schon um Fassung und frage mich, was mit der deutschen Literaturkritik eigentlich los ist.

© Irene Nießen, 2007

Monika Maron: „Ach Glück“
S. Fischer, 2007

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