MedienbueroNiessen

Im Gespräch mit Ephraim Kishon (1999)

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„Im Humor kann man nicht lügen“

Der Humorist leidet, damit andere lachen können. So jedenfalls sieht es Ephraim Kishon.

Eine meiner Lieblingsgeschichten von Ihnen heißt „Jüdisch Poker“. Am Ende des Spiels steht als höchster Einsatz „Golda“. In einem Ihrer neuen Bücher habe ich die Geschichte wieder entdeckt – nur wird statt mit „Golda“ plötzlich mit „Pavarotti“ gepokert. Was ist da los?
Es ist fraglich, ob junge Leute wissen, wer Golda ist. Deshalb habe ich einen Namen genommen, den man kennt und der unter uns gesagt gut klingt. Wenn man „Pavarotti“ sagt und das Geld nimmt, das klingt gut. Aber ich will Ihnen was verraten. Dieser Name ändert sich immer. Erst war es Ben Gurion, dann war Moshe Dajan, dann Golda, und jetzt eben Pavarotti. Es gibt kein Gesetz, das Schriftstellern verbietet, ihre Geschichten im Sinne des Zeitgeistes zu korrigieren. Wenn ich Sie beleidigt habe, entschuldigen Sie bitte.

Überhaupt nicht. Ich habe mich nur gefragt, warum Sie den Text geändert haben.
Wie gesagt, weil ich finde, Golda wirkt ein bißchen antik. Golda hat nicht diesen Impakt wie dieser schlanke Sänger.

Geht es bei Ihnen zuhause so komisch zu wie in Ihren Geschichten?
Ja. Meine Frau, die beste Ehefrau von allen, und meine zahllosen Kinder sind unglaublich und überraschend humorvolle Wesen. Ich habe nie geglaubt, daß der Humor so durch die Gene weitergegeben werden kann. Aber es ist wirklich so. Manchmal sind meine Kinder viel humorvoller als ich bin.

Das kann man noch steigern?
Ja, ich bin im Privatleben nicht so humorvoll. Ich bin ein normaler Mensch. Ich weiß, daß es sehr enttäuschend ist. Aber ich bin normal.

Woher nehmen Sie Ihre Geschichten? Fällt Ihnen zu jeder Situation etwas Komisches ein?
Man glaubt, ich bin ein großer Satiriker. Ich bin ein kleiner Reporter.

Das müssen Sie bitte erklären.
Ja, ich schreibe, was ich sehe. Nur andere beschreiben es in einer Reportage. Ich schreibe darüber eine Satire. Es passieren mir Dinge, die ich nie erfinden könnte, und ich stelle immer wieder fest: Ich kann nicht mit der Realität, mit dem Leben konkurrieren. Ich will Ihnen was erzählen. Ich fliege von Israel in die Schweiz. Auf dem Flughafen Kloten schaut der Grenzpolizist meinen Paß an und sagt: „Ah, Herr Kishon. Aus Israel?“ Und ich sage, „Ja“. Ein älterer Gentleman hinter mir mischt sich ein und sagt: „Entschuldigen Sie, wenn ich störe, habe ich gut gehört? Ist Ihr Name Kishon?“ „Ja“, sage ich. „Sind Sie vielleicht ein Verwandter des Schriftstellers?“ Ich antworte: „Nein, mein Herr, ich bin der Schriftsteller selbst.“ „Schade“, sagt der Gentleman und wendet sich vollkommen verdutzt ab. Natürlich schreibe ich die Sachen viel absurder, als sie sich wirklich ereignet haben, aber immer im Sinne der Wahrheit. Im Humor kann man nicht lügen.

Wie ist es für Sie, zu schreiben?
Schwer, sehr schwer. Wenn ich anfange zu schreiben, vergrabe ich mich und lasse mich nicht stören, bis ich fertig bin. Es ist eine Tour de Force, anstrengend und sehr langweilig. Das Buch ist nicht langweilig, die Arbeit ist langweilig. Schwangerschaft ist langweilig, nicht das Baby.

Ihre Geschichten lesen sich ganz leicht.
Darum ist es so schwer, weil sie sich so leicht lesen lassen. Jeder hat manchmal Depressionen und eine kreative Person besonders. Wir, die Humoristen, zahlen mit unseren Depressionen dafür, daß die anderen lustig sein können.

Wenn Sie anfangen zu schreiben, haben Sie die Pointe schon im Kopf oder entwickeln Sie die während des Schreibens?
Alles ist da. Es ist nur eine technische Frage. Ich weiß ganz genau, wie ich beginne und wie ich ende. Es ist ungefähr wie mit einem guten Schachspieler. Der muß viele Züge im vorhinein sehen, bis er seinen Gegenspieler matt setzen kann. So muß der Humorist auch vorgehen. Man kann nicht anfangen zu schreiben und sagen, irgendwie wird es schon gehen. Es geht nicht irgendwie.

Überraschen Sie sich gelegentlich selbst?
Es kommt aber vor, daß ich beim Schreiben eine Beobachtung mache und lachen muß. Dann gratuliere ich mir. In diesem Buch habe ich gelacht, als ich darüber schrieb, daß ich begonnen hatte hebräisch zu träumen, aber mit ungarischen Untertiteln.
Was ist ein Traum? Ein Traum ist ein Heimkino. Sie schlafen ein und sehen den Film. Der einzige Unterschied zum Fernseher ist, daß Sie erst den Film sehen und dann einschlafen.

Wann haben Sie begonnen zu schreiben?
Eigentlich war ich diplomierter Bildhauer. Mit 21 habe ich einen Roman geschrieben, für den ich einen literarischen Preis in Ungarn erhielt. Danach bekam ich Angebote von der größten Zeitung usw., und eine Zeitlang habe ich parallel gearbeitet, als Fachmann für Reliefarbeiten und als Schriftsteller. Nach einer Weile habe ich gesagt, okay, seien wir Schriftsteller.

Wer liest Ihre Texte als erster? Ihre Frau?
Nein, nie. Ich lasse sie nicht lesen. Sie könnte mir sagen, wieder diese Blödheiten, und ich bin erledigt. Sie kann meine Bücher lesen, wenn sie schon erschienen sind.

Sie schreiben auf Hebräisch.
Ja, von rechts nach links. In die Gegenrichtung. Ich beherrsche heute diese Sprache unglaublich gut, besser als meine Kinder. Als ich nach Israel kam, habe ich ein ganzes Jahr Hebräisch gelernt, Tag und Nacht. Es war nicht so leicht, Hebräisch zu lernen, wie es aussieht. Es ist unmöglich, Hebräisch zu lernen. Einmal hat mich ein Priester, der die Bibel auf Hebräisch lesen wollte, gefragt: „Wie haben Sie geschafft, Hebräisch zu lernen. Das ist unmöglich.“ Ich habe geantwortet: „Ich wußte nicht, daß es unmöglich ist.“

© Irene Nießen, 1999

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