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Im Gespräch mit Hape Kerkeling (2006)

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„Ich bin immer noch ein Zweifler“

Der spanische Jakobsweg ist kein Spaziergang. Hape Kerkeling ist die 600 Kilometer gegangen, im Sommer 2001. Was ihn das Pilgern gelehrt hat, darüber gibt er in „Ich bin dann mal weg“ Auskunft.

Sie sind Entertainer und Komiker seit mehr als 20 Jahren. Muss man sich bei Ihrem Buch „Ich bin dann mal weg“ auf eine Witznummer gefasst machen?
Nö, natürlich nicht. So eine Sache eignet sich nicht, um sie durch den Kakao zu ziehen. Das ist richtig ernst gemeint.

Trotzdem geht es ziemlich komisch los. Nach zwei Tagen tun Ihnen die Füße so weh, dass Sie in Badelatschen weitermarschieren.
Das war ein Tag, an dem ich mich gefragt habe: Was machst du hier eigentlich? Du übernimmst dich vollends, bist weder physisch noch psychisch in der Lage, diesen Weg bis zu Ende zu gehen. Ich hab’s einfach mit sehr viel Humor und Selbstironie genommen, weil ich mir sagte: Das schaffst du sowieso nicht.

Womit Sie falsch lagen.
Ich weiß auch nicht warum, aber wenn man auf diesem Weg ist, dann will er gegangen werden, bis zum Schluss.

Gab es einen konkreten Anlass für Ihre Pilgerwanderung?
Ich habe mir schon immer Auszeiten genommen. Das erste Mal 1994, da war ich gerade 30. Ich hatte gemerkt, dass ich nicht das ganze Jahr auf 280 durcharbeiten und ständig unter Adrenalin stehen kann, was der Beruf einfach mit sich bringt. Damals bin ich drei Monate nach Kanada gegangen, später dann mal drei Monate nach Australien. 2001 hatte ich massive Probleme mit Gallensteinen. Als dann noch ein Hörsturz dazukam, wusste ich, dass ich ein anderes Tempo einlegen muss, will ich weiter kreativ sein.

Eine der beiden Grundsatzfragen, die Sie an den Anfang Ihres Buches stellen, lautet: Wer bin ich?
Diese beiden Krankheitsvorfälle, die zwar nicht wirklich bedrohlich sind, haben mich in eine Krise gebracht. Und so bin ich denn auch zum ersten Mal ganz alleine losgezogen, um etwas über mich herauszufinden und auch um zu sehen, was das Leben mit mir macht.

Die zweite Frage heißt: Wer ist Gott? Haben Sie eine Antwort gefunden?
Die Begegnung mit dem, was ich für Gott halte, habe ich deshalb nicht sehr ausführlich beschrieben, weil ich sie für absolut individuell und subjektiv halte. Sie hat mich extrem beruhigt. Seitdem ich den Weg gegangen bin, bin ich gläubiger als zuvor. Ich bin immer noch ein Zweifler. Das liegt in meiner Natur. Ich halte es für gut, an den Dingen, an sich selbst zu zweifeln.

Konkret gesprochen?
Ich war mit dem, was ich bis dahin gelebt hatte, zufrieden. Insofern habe ich mehr die Frage danach gerichtet, warum mir das geglückt ist, nicht nur beruflich, sondern vor allem privat. Aus einer gewissen undefinierbaren Dankbarkeit heraus habe ich dieses Geglückte auf den Prüfstand gestellt. Ob das, was ich getan habe, wirklich gut war, oder ich mir nur einbilde, dass es gut war.

Sie beschreiben, dass Sie auf der Wanderung großen Gefühlsschwankungen ausgesetzt waren, die Sie von zu Hause her nicht kannten.
Morgens war ich ganz entsetzlich mürrisch, schlecht gelaunt, nicht in der Lage, mich selbst zu motivieren. Mittags dann kippte das Ganze, gegen Abend kippte es wieder. Da ich anfangs alleine gegangen bin, wusste ich nicht, dass es anderen auch so ergeht. Ich habe eine Dokumentation über den Jakobsweg gesehen, bei der Pilger Ähnliches geschildert haben. Weil jeder Tag eine körperliche Herausforderung ist. Und alles, was den Körper herausfordert, fordert auch die Psyche heraus.

Die Reise beginnt am 9. Juni und endet am 20. Juli. Für jeden Tag formulieren Sie eine „Erkenntnis des Tages“. Eine Art Motivationshilfe?
Der erste Wandertag war ein Abbild meiner inneren Haltung. Nämlich auf der Suche zu sein nach etwas, das ich nicht sehen kann. Ich war am ersten Tag in den Bergen, die ich nicht sehen konnte, weil es neblig war, musste auf den Gipfel, den ich nicht sehen konnte. Das fand ich eine interessante Parallele. So habe ich mir ein Bild überlegt, eine Metapher, die mir hilft. Aus den Fragen, die ich mir täglich gestellt habe, ist für mich immer eine Erkenntnis geworden.

Es sind 38. Das Kerkeling’sche Credo?
Was, 38 Thesen, die ich da an die Wand schlage? Nein, ich habe nicht nach einem Grundsatzprogramm für meinen Glauben gesucht. Diese Erkenntnisse habe ich mir erlaufen, und insofern haben sie immer auch etwas Zufälliges.

Das Buch ist zwei Menschen gewidmet: Ihrer Großmutter Bertha und Ihrem Lebensgefährten Angelo Colagrossi. Was verbindet diese beiden Menschen?
Es waren bzw. sind die wichtigsten meines Lebens. Bei meiner Großmutter Bertha bin ich aufgewachsen. Sie war so prägend in meiner Kindheit wie kein zweiter Mensch, und sie ist mir über den Tod hinaus im Vergleich zu anderen Familienmitgliedern besonders nah. Und dass ich das Buch der Liebe meines Lebens widme, machte für mich Sinn. Diese Frage hatte ich mir gestellt und kam zu der Überzeugung: ja.

Als Pilger unterwegs zu sein, war das für Sie eine Rolle?
Zunächst ja. Ich habe mich in eine Rolle begeben, von der ich dachte: Sie entspricht dir nicht. Hier gehörst du nicht her. Aber du probierst es. Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass es keine Rolle mehr war, dass ich zu dem wurde und ganz anders, als der Pilger in meiner Vorstellung auszusehen hatte.

Haben Sie sich selber überrascht?
Dieser Prozess war schleichend. Am Anfang hatte ich das Gefühl, ein Fremdkörper zu sein, der versucht, sich zu integrieren. Ich wollte nicht so sein wie die Pilger, die ich gesehen habe, und dennoch wollte ich pilgern. Irgendwann wurde mir klar, dass ich nicht so sein muss wie die anderen, um zu pilgern. Dass es ganz wunderbar ist, wie ich bin, und ich so am besten da hineinpasse. Ich glaube, dass es jedem so gehen wird, egal aus welchen Motiven heraus jemand diesen Weg läuft.

Wie war das, wenn Ihnen Menschen begegnet sind, die Sie erkannt haben?
Die Begegnungen waren allesamt mehr als angenehm. Nur wurde ich dadurch immer an etwas erinnert, an das ich nicht erinnert werden wollte. Weil ich mich ja bewusst von dem Bild lösen wollte, das ich von mir kreiert habe und das von mir kreiert wurde. Dazu ist es zu sehr ein Kunstprodukt.

Wobei erstaunlich ist, wie früh Sie sich für Ihren Berufsweg entschieden und wie konsequent Sie daran gearbeitet haben. Knallharte Karriereplanung?
Als 15-Jähriger ging es mir ganz klar um Karriere. Um nichts anderes. Ich wollte berühmt werden. Nach den ersten Fernsehsendungen, mit 19, habe ich gemerkt, dass es das nicht sein kann. Sich hinzustellen und beklatschen zu lassen. Ich habe sehr schnell begonnen, mich inhaltlich zu orientieren. Die Befriedigung ist nicht, besonders erfolgreich zu sein, sondern die Dinge, von denen ich überzeugt bin, an den Mann zu bringen. Wenn ich damit Erfolg habe, gut, wenn nicht, auch gut.

Wieso auch gut?
Weil ich am Ende das getan habe, von dem ich glaube, dass ich es tun musste und dass es richtig war. Wenn man wirklich glaubt, dass ein so früher beruflicher Erfolg, wie es bei mir der Fall war, die Erfüllung des Lebens ist, läuft man Gefahr, dass das später sehr armselig endet. Eine Woge, die aufsteigt, fällt am Ende auch herunter. Insofern sind Misserfolge einzukalkulieren. Mit 22 ging es zum ersten Mal runter, und da ich das sehr oft erlebt habe, nehme ich weder die Höhen noch die Täler besonders dramatisch.

Eine Erkenntnis des Tages heißt: „Ein echter Weg nimmt einen nicht gefangen.“ Wie meinen Sie das?
Ein echter Weg hat einen Anfang und ein Ende, und er beinhaltet in sich, dass man ihn beginnt und ihn beendet. Man bleibt zwischendurch nicht irgendwo kleben. Man sagt nicht nach 20 Kilometern, hier ist es schön, jetzt reicht es, das Ende interessiert mich nicht mehr. Sondern man geht von Station zu Station weiter. Übertragen auf den Lebensweg heißt das: Man kann nicht ewig 20 sein oder 40. Ganz banal: Ich kann mit meinen 42 Jahren nicht im bauchfreien Shirt herumlaufen. Dann wäre ich im übertragenen Sinne kleben geblieben.

Als Sie in Santiago de Compostela ankommen, sprechen Sie vom schnellen Pilgertod. Ist das gut oder schlecht?
Das Wort Tod hat etwas Radikales und Dramatisches. Es geht um das Beenden eines Abschnittes. Wenn man sechs Wochen unterwegs ist und dieser Zustand von einem Moment auf den anderen vorbei ist, hat das etwas sehr Befreiendes. Man fällt in ein wunderbares Loch. Es hat sich angefühlt, wie ich vermute, dass es sich anfühlen könnte, wenn man dereinst in den Himmel einzieht. Absolut befreit und glücklich.

Seit der Pilgerreise sind fünf Jahre vergangen. Was ist nachhaltig geblieben?
Die mentale Stärke. Eine entspannte Zähigkeit.

Gibt es etwas aus den alltäglichen Ritualen, das Sie beibehalten haben?
Das Wäschewaschen. Ich habe später auf meiner Tournee weiter Wäsche gewaschen, bis mir mein Manager sagte: Du musst das nicht machen. Wir können uns schon was anderes leisten. Das habe ich relativ lange beibehalten. Das mochte ich. Jeden Tag meine Wäsche zu waschen hat etwas Meditatives. Das ist ein Ritual. Wie Spülen. Putzen. Meditative Vorgänge, die man nicht unterschätzen sollte. Das gibt Bodenhaftung.

Auf Ihrer Pilgerurkunde steht Joannem Petrum Kerkeling. Klingt anders als Hape. Fühlt es sich auch anders an?
Total anders. Ich habe zwar trotz großem Latinum nicht ganz verstanden, was drinsteht. Aber ich meine, dass mir all meine Sünden erlassen wurden.

Sind Sie eigentlich gerne gelaufen?
Man darf eins nicht vergessen: Es war immer dieser Rucksack im Spiel. Elf Kilo. Und 40 Grad im Schatten. Bergauf und bergab. 20, 30, 35 Kilometer am Tag. Sechs Wochen lang. Und ich bin immer zu spät aufgebrochen. Nach sechs Milchkaffees, um 10 Uhr. Das war die volle Dröhnung.

© Irene Nießen, 2006

Hape Kerkeling: „Ich bin dann mal weg“
Malik, 2006

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