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Im Gespräch mit Ayaan Hirsi Ali (2006)

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„Berichten, wie diese Welt wirklich ist“

Sie ist eine mutige Persönlichkeit, die sich für die Emanzipation muslimischer Frauen stark macht und gegen einen rückständigen Islam wendet. Wie Ayaan Hirsi Ali zu der Kämpferin wurde, die sie heute ist, davon legt sie in ihrer Autobiografie ein beeindruckendes Zeugnis ab.

Bodyguards sind ihre ständigen Begleiter. Nach dem Mord am niederländischen Regisseur Theo van Gogh, mit dem sie den islamkritischen Film „Submission“ gedreht hatte, steht Ayaan Hirsi Ali unter besonderem Personenschutz – das Attentat eines militanten Islamisten galt ihr. Trotz Todesdrohungen hält sie fest an ihrem Thema, der Unterdrückung der Frauen im Islam. Denn „es gibt Zeiten, in denen Schweigen einen zum Komplizen des Unrechts macht“. Ayaan Hirsi Alis Widerspruchsgeist wurzelt in persönlichen Erfahrungen, die für drei Leben ausreichen würden. Dabei ist sie gerade mal 37 Jahre alt. Ihre Autobiografie „Mein Leben, meine Freiheit“ stellt vieles in den Schatten, was ein Durchschnitts-Westeuropäer glaubt, aus der Dritten Welt zu kennen. Sie beschreibt ein Leben im ständigen Ausnahmezustand, zwischen Steinzeit und Moderne, geprägt von den strengen Regeln des Islam. Und sie berichtet, wie sie aus der Gemeinschaft ausbricht und vom Flüchtling zur intellektuellen Kämpferin wurde, die sie heute ist.
Wo immer die umstrittene Bürgerrechtlerin auftritt, herrscht Alarmbereitschaft. Der Raum im Hotel Frankfurter Hof, in den der Piper Verlag eine Reihe von Journalisten zum Gespräch eingeladen hat, wird bewacht und von Spürhunden nach Bomben abgesucht. Ayaan Hirsi Ali wirkt entspannt. Die hochgewachsene Frau begrüßt jeden Einzelnen lächelnd mit Handschlag, erkundigt sich, woher man kommt und für welches Medium man schreibt. Dass sie die äußeren Attribute eines Models besitzt, ist bekannt. Dass sie mit „der Schärfe einer Anklägerin vor dem Haager Strafgerichtshof“ argumentiert, davon können wir uns im Laufe des Gesprächs persönlich überzeugen.
Die Frage nach dem Grund, dieses Buch zu schreiben, finden wir bereits in ihrer Einleitung beantwortet: „Dies ist die Geschichte meines Lebens. Es handelt sich um meine subjektiven Erinnerungen, und ich berichte so genau, wie ich es nur kann. Das Verhältnis zum Rest meiner Familie ist so zerrüttet, dass ich die Erinnerungen nicht auffrischen kann, indem ich sie frage. Mein Denken ist von dem geprägt, was ich erlebt und gesehen habe. Mir ist klar geworden, dass es nützlich, ja sogar wichtig ist, diese Geschichte zu erzählen. Manches möchte ich klarstellen, einiges geraderücken, und zudem über eine völlig andere Welt berichten, darüber, wie diese Welt wirklich ist.“
Sie kommt 1969 in Somalia zur Welt und wächst in einer vom Islam geprägten Großfamilie auf. Als sie sechs ist, folgt ihre Familie dem strenggläubigen Vater, einem politischen Oppositionellen, ins Asyl nach Saudi-Arabien, nach Äthiopien und schließlich nach Kenia. Der Vater ist meist abwesend und wird die Mutter später verlassen, die sich um ihre drei Kinder kümmert – mit zunehmender Verbitterung. Sie ist auf Unterstützung durch den Clan angewiesen, denn eine islamische Frau ohne Mann ist schutzlos. Ayaan Hirsi Ali erleidet das Martyrium der Beschneidung. Und der Koranlehrer schleudert die Neunjährige mit dem Kopf so heftig gegen die Wand, dass sie mit einem Schädelbruch liegen bleibt.
Als ihr Vater sie 1992 mit einem entfernten Cousin zwangsverheiratet und sie zu ihm nach Kanada übersiedeln soll, flieht sie nach einem Zwischenstopp in Deutschland in die Niederlande. Sie arbeitet als Putzfrau, als Dolmetscherin für Flüchtlinge und als Sozialarbeiterin. In Frauenhäusern wird sie mit dem Elend muslimischer Frauen mitten in Europa und mit dem sexuellen Missbrauch in den Familien konfrontiert. Sich für die Rechte dieser Frauen zu engagieren, wird ihr Lebensthema. Das einhergeht mit einer radikalen Islamkritik. Sie studiert Politik und Philosophie und wird 1993 Abgeordnete der rechtsliberalen VVD. Im April 2005 wählt „Time Magazine“ sie zu einer der 100 einflussreichsten Personen der Welt. „Reader’s Digest“ krönt sie zur Europäerin des Jahres 2006. Nach dem gescheiterten Versuch, ihr die niederländische Staatsbürgerschaft abzuerkennen, lebt sie jetzt in den USA.

Ihr Lebensbericht ist eine Familiengeschichte, die von der Stammesgesellschaft bis in die Moderne reicht. Gab es einen unmittelbaren Anlass für Ihr Buch?
Immer wieder werde ich gebeten, über Integration und die Stellung der Frau zu sprechen, über meine persönliche Integration, meine eigene Emanzipation. Dieses Buch ist eine Antwort auf diese Fragen. Und weil ich eigentlich zu jung bin, um eine Autobiografie zu schreiben, schlage ich einen großen Bogen: vom Weg und den Problemen meiner Großmutter, die 1919 geboren wurde, über die Entwicklung meiner Mutter bis hin zu mir. Als meine Großmutter jung war, konnte man Land nicht kaufen, es gehörte allen. Sie musste später lernen, was Besitz ist, was Grenzen sind, wie technische Geräte funktionieren.

Als Sie klein waren …
Lasen wir Comics und Cartoons, später George Orwell und literarische Werke. Aber auch Unterhaltungsromane, Frauenromane, die man heute als „chic lit“ bezeichnet. Mit 20 war ich halb verwestlicht.

Und träumten davon, zurück in Ihr Heimatland Somalia zu gehen.
Ja, weil meine Mutter und meine Großmutter ständig sagten, wir würden sehr glücklich sein, wenn wir nicht mehr in Kenia leben müssten, sondern alle zusammen wieder in Somalia sein könnten. Meine Schwester und ich reisten im März 1990 dorthin und waren fürchterlich enttäuscht. Kurz bevor im Dezember 1990 der Bürgerkrieg ausbrach, kehrten wir nach Kenia zurück. Dieser Bürgerkrieg hält immer noch an. Nichts hat sich geändert.

Wie müssen wir uns die Lebenswirklichkeit Ihrer Eltern und Großeltern vorstellen?
In meiner Heimat sind die Unterdrücker keine Fremden. Es sind Landsleute, die unseren Besitz wegnehmen, die uns zwingen, die uns quälen. Es herrschen Korruption und eine ganz schreckliche Verwaltung. Selbst in Somalia ist es der eigene Clan. Das gleiche in Kenia. Wir selber sind es. Clan gegen Clan, Stamm gegen Stamm. Die Somalier schauen auf die Kenianer herab. Rassismus ist für mich nicht mit irgendeinem Weißen verbunden, der von weit herkommt, Rassismus ist für mich sehr nahe – Schwarz gegen Schwarz.

Sie waren mit einem Kenianer befreundet, der nicht den gleichen Glauben hatte wie Sie. Und haben sich deswegen von ihm getrennt. Wie beurteilen Sie dieses Verhalten heute?
Ebenfalls rassistisch. Zwar hatte ich in der Schule gelernt, man dürfe das nicht sein, letztendlich war ich es doch. Ich forderte von meinem ersten Freund die Konvertierung zum Islam, wenn

er mich heiraten wolle. Und da er Atheist war und das nicht wollte, habe ich die Beziehung beendet. Ganz tief im Innern spürst du dieses Überlegenheitsgefühl. Kein Witz.

Ihre ersten 20 Lebensjahre lesen wir als politisch und psychologisch schreckliche Geschichte. Mögen Sie die Zeit überhaupt?
Ja. Trotz alledem. Nehmen wir das Lesen: In die Schule zu gehen, zu lernen, zu lesen machte mir sehr viel Spaß. Es gab schwierige Zeiten, und wenn Sie mein Leben mit dem eines durchschnittlichen Mädchens in Deutschland oder Holland vergleichen, war es schwer. Aber verglichen mit den eigenen Verhältnissen in Kenia war es ein Privileg, in die Schule gehen zu können. In einem Haus zu wohnen. Viele kenianische Kinder durften nicht in die Schule, weil die Eltern diese nicht bezahlen konnten.

Sie schreiben, das multikulturelle Nebeneinander in Holland habe nicht funktioniert. Warum nicht?
Eine Politik, die Integration durch Aufrechterhaltung der Kultur und Identität zu erreichen versucht, scheitert. Denn das bedeutet, Rassentrennung zu fördern, islamische Schulen zu fördern, in denen der Kontakt zu einheimischen Kindern vermieden wird. Der Staat selbst kann nicht integrieren. Der Staat kann nur die Bedingungen dafür schaffen. Zum Beispiel dafür sorgen, dass Frauen sicher sind und junge Mädchen nicht von der Schule genommen werden.

Anhand erschütternder Beispiele aus Ihrer Zeit als Dolmetscherin zeigen Sie die Folgen der holländischen Einwanderungspolitik für muslimische Frauen und Kinder. Was Sie vor allem antreibt, ist die Unterdrückung der Frau im Islam. Ist denn eine Verbesserung ohne theologische Reform überhaupt möglich?
Ich glaube, der Islam kann reformiert werden, wenn wir die Fehlbarkeit des Propheten Mohammed betrachten. Ich sage, er ist fehlbar. Der Islam kann reformiert werden, wenn wir den Koran nicht für das absolute Wort Gottes halten, sondern als verfasst von Menschen. Und wenn wir drittens die Sexualmoral hinterfragen, die auf dem Dogma der Jungfräulichkeit vor der Ehe basiert, was eine Frau beschränkt. Wenn wir diesen theologischen Wechsel vornehmen, dann wäre der Islam auf die gleiche Weise zu reformieren, wie Christen und Juden ihre Religionen geschaffen haben. Das ist meine Position. Ich richte sie an alle, die zuhören wollen, ohne absichtlich misszuverstehen.

© Gesprächsdokumentation: Irene Nießen, 2006

Ayaan Hirsi Ali: „Mein Leben, meine Freiheit“
Piper, 2006

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