MedienbueroNiessen

Im Gespräch mit Judith Hermann (2000)

<< zurück

„Glück ist immer der Moment davor“

Ein Gespräch mit der 1970 in Berlin geborenen Autorin Judith Hermann über ihren plötzlichen Erfolg, die Sehnsucht nach einem Leben vor dem Bestseller und die Sorge, im Elfenbeinturm zu sitzen.

Mit Ihrem ersten Buch, den Erzählungen „Sommerhaus, später“ avancierten Sie im Herbst 1998 zum Shooting-Star des Literaturbetriebs. Wie war das für Sie?
Im Nachhinein erscheint mir die Zeit seit der Veröffentlichung wie eine ganz große Welle, die mich weggeschwemmt hat und jetzt langsam wieder zurückflutet. Ich kann mich kaum erinnern, wie das war. Ich weiß, dass ich das ganze Jahr über auf Lesereise war und dass ich unglaublich viele Interviews gegeben habe, dass ich die Kritiken zugeschickt bekam und zuerst alle las und später nicht mehr. Ich weiß noch, dass ich fast schon hysterisch versucht habe, auf dem Boden, bei mir selber zu bleiben.

Hätten Sie sich für Ihre Karriere einen leiseren Start gewünscht?
Im Bezug auf die Erwartungshaltung, die mich jetzt drückt, ja. Ich habe mit „Sommerhaus, später“ ja unheimlich schnell veröffentlicht. Die letzte Geschichte war geschrieben, und einen Tag später habe ich das Manuskript an den Verlag geschickt. Ich besitze nicht die berühmte Schublade mit Geschichten aus den letzten sieben Jahren. Weil ich noch nicht so lange schreibe, konnte ich nicht so etwas wie ein schriftstellerisches Selbstbewusstsein, geschweige denn eine Identifikation entwickeln. Zoe Jenny sagt beispielsweise, ihr Fundament als Schriftstellerin sei stark genug, um die schlechten Kritiken, die jetzt kommen, aushalten zu können. Um dieses Fundament als Schriftstellerin beneide ich sie sehr.

Wie kamen Sie überhaupt zum Schreiben?
Ich war auf der Journalistenschule und ging am Ende dieser Ausbildung für ein Volontariat nach New York. Ich habe dort ein halbes Jahr gelebt und gearbeitet und mich einigermaßen schwergetan, mich zu akklimatisieren. In dieser Zeit habe ich sehr viele Briefe nach Hause geschrieben und versucht, mir im Schreiben diese Stadt, die sich mir entzog, anzueignen, sie mir begreifbar zu machen. Dabei habe ich gemerkt, dass ich in diesem Erzählen über New York bestimmte Strukturen verließ, die der Journalismus vorgibt. Als ich nach Berlin zurückkehrte, war dieses Erzählen von Zeit und Geschichten und Situationen ein Bedürfnis, das blieb. Nach New York entstanden dann zwei richtige Geschichten, mit denen ich mich aber eher halbherzig um ein Stipendium bewarb. Ich bekam es. Diese allererste Anerkennung war ganz immens: von außen gesagt zu bekommen, dass es sich lohnt, weiterzuschreiben und Geld zu bekommen, damit man den Rücken frei hat.

Es klingt, als wären New York und das Alfred-Döblin- Stipendium zwei Initialzündungen gewesen, wirklich anzufangen zu schreiben.
Die ganzen Jahre davor bis hin zum Journalismus waren Jahre, in denen ich gesucht und mich bemüht habe, mich nicht entscheiden zu müssen. Ich habe Germanistik und Philosophie studiert und abgebrochen, dann Musik studiert und abgebrochen, dann habe ich Theater gespielt, dann Jahre gar nichts, habe gekellnert und bin mit der Band „Poems for Laila“ durch Deutschland gezogen. Erst mit 26 hatte ich das Gefühl, dass ich jetzt etwas anfangen muss, was ich auch zu Ende bringe. Komischerweise kam die Wende dann irgendwie unbeabsichtigt – mit dem Buch und dem Erfolg des Buches bin

ich an einem Punkt angelangt, wo ich nicht mehr weiß, was ich jetzt noch ausprobieren soll. Ich habe das Gefühl, das ist es, was ich machen möchte und was ich zum Teil auch gut kann.

Ist die Schriftstellerei jetzt Ihr Brotberuf?
Schon, mit allen Risiken. Wobei ich einen Ratschlag beherzige, den Katja Lange-Müller uns in der Werkstatt gab: egal wie groß der Erfolg eines Buches sein wird, niemals mit dem aufzuhören, wovon man eigentlich lebt, was man gelernt hat. Also, wenn man eine Journalistin ist, sollte man weiter Journalismus machen. Das ist einfach ganz wichtig, für die finanzielle Absicherung und um den Realitätsbezug nicht zu verlieren. Zudem ist es bei mir so, dass Schreiben sehr vom Alltag zehrt. Ich wüsste nicht, worüber ich schreiben sollte, wenn ich nichts täte. Was ich allerdings jetzt manchmal vermisse, ist das provisorische Leben. Je gefügter alles ist, desto schwieriger ist es, die Brüche zu finden, über die man schreiben will. Ich würde zum Beispiel gerne wieder kellnern gehen. Das Absurde ist nur, man würde mir nicht abnehmen, dass ich für 12 Mark 50 arbeiten gehe. Hier am Prenzlauer Berg würde ich sofort wie eine verkleidete Kellnerin auf der Suche nach Tresen- geschichten wirken. Ich muss mir also die Geschichten anderswo suchen. Kellnern kann ich nicht mehr, aber mit dem Journalismus kann und will ich weitermachen, um ein normales Leben zu führen. Ich möchte nicht im Elfenbeinturm sitzen.

In Ihrer Rede zum Förderpreis des Bremer Literaturpreises sagen Sie, Sie schreiben, um die eigene Geschichte zu vernichten. Um sich neue Identitäten zu schaffen?
Schreiben ist ein Experiment und eine große Möglichkeit, das, was das Leben mit einem macht und man im Leben nicht ändern kann, in den Geschichten anders ausgehen zu lassen. Sich-so-ein-Leben-Vorstellen. Sich loslösen.

In Ihren Geschichten kommen Menschen unterschiedlichen Alters vor. Dass Sie die Gefühlswelt von jungen Leuten kennen, leuchtet ein. Aber woher kennen Sie die der alten Menschen so genau?
Zum einen aus der Beobachtung heraus, zum andern daher, dass ich lange Jahre sehr intensiv mit meiner Großmutter zusammengelebt habe. Und die hatte einen sehr großen Freundeskreis. Alte Menschen haben mich sehr interessiert.

Glück ist immer der Moment davor, sagt Marie in der Erzählung Camera Obscura. Können wir dann Glück überhaupt spüren? Oder immer erst im Nachhinein?
Ich glaube, Glück hat immer auch eine Nähe zu Verlust, zu Ende, zu Abschied. Man kann sagen, Glück ist immer der Moment davor, oder auch, dass einem im Moment des Glücks auch immer bewusst ist, dass dieses Glück endlich ist. Diese Endlichkeit des Glückes bewirkt vielleicht, dass man es ganz selten pur empfinden kann.

© Irene Nießen, 2000

Judith Hermann: „Sommerhaus, später“
S. Fischer, 1998

<< zurück