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Im Gespräch mit Elke Heidenreich (2008)

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„Weiter lesen!“

Sich leidenschaftlich für Bücher einzusetzen, das ist niemandem in den letzten Jahren so glaubwürdig und so erfolgreich gelungen wie Elke Heidenreich. Ihre große Liebe aber gilt der Oper. Ein Gespräch über Musik und Literatur, warum Männer anders lesen als Frauen und dass außer der Kunst nichts bleibt im Leben.

Sie haben im Sommer 2008 eine Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele gehalten, eine Hommage an die Kunst.
Ich plädiere darin dafür, darüber nachzudenken, dass im Leben nichts bleibt. Wir nicht, nicht die tollen Häuser, die wir bauen, nicht die Bankkonten, nicht die Jobs – doch die Kunst bleibt. Immer. Mozart bleibt, Michelangelo bleibt, Leonardo bleibt, Bach bleibt, Goethe bleibt, Shakespeare bleibt. Das heißt, die Kunst ist das Allerwichtigste in unserem Leben. Wir müssen sie hoch- und wertschätzen.

Das Motto der Festspiele war: „Denn stark wie die Liebe ist der Tod.“ Sie aber sagen: Der Tod ist stärker als die Liebe. Und: Erzählen ist stärker als der Tod.
Fast jeder kennt die Geschichte von Scheherazade, die 1001 Nacht um ihr Leben erzählt hat. Der Mann wollte sie immer umbringen. Weil sie so schön erzählte, ließ er sie 1001 Nacht leben. Und hat sich dann in sie verliebt. Nicht die Liebe hat gesiegt und auch nicht der Tod. Das Erzählen hat gesiegt. Die Kunst.

Würden Sie dem Lesen eine vergleichbare Macht zugestehen?
Lesen heilt keinen Krebs, keinen Liebeskummer und macht keine Scheidung rückgängig. Aber Lesen gibt uns Kraft, Mut, Intelligenz, Ablenkung für einige Stunden, wenn wir in eine Geschichte eintauchen. Ich bin überzeugt, dass jeder Mensch mit seinem Leben besser zurechtkommt, wenn er in Büchern liest, wie es anderen Menschen geht. Insofern hat Lesen nicht nur mit Bildung zu tun, sondern auch mit Lebenshilfe. Bücher sind ein Glück. Und meine Botschaft an die Menschen ist: Klammert dieses Glück nicht aus. Genauso, wie ich für die Oper plädiere – diese Mischung aus Theater, Literatur, Konzert. Oper ist nicht nur etwas für die oberen Zehntausend. Jeder kann im Programmheft mitlesen, worum es geht, jeder kann die Obertitel mitlesen. Die Oper erzählt mit musikalischen Mitteln eine Geschichte. Ob man den Text versteht, ist nicht so wichtig. Wichtig ist, dass die Musik die Stimmungen erzählt, die Leidenschaften, den Kummer, das Sterben, das Lieben. Das ist riesig schön.

Womit sollte man anfangen, wenn man ein Opernlaie ist?
Nicht unbedingt mit Wagner. Der ist schwer. Vielleicht mit Verdi.

Darüber haben Sie gerade ein Buch geschrieben.
In dem ich über meine Mutter geschrieben habe, denn die hat mich auf den Trip mit Verdi und zum Lesen gebracht. Das sind meine Grundwurzeln und Überzeugungen. Meine Mutter war eine einfache Frau, aus einer armen Familie. 1908 geboren, sieben Geschwister, die Mädchen lernten Nähen, die Jungen lernten Schlosser. Meine Mutter hatte ein natürliches Gefühl für Qualität, eine große Liebe zur Musik und zur Literatur. Sie hatte keine Bildung, aber war nicht dumm. Sie hat früh dafür gesorgt, dass ich die richtigen Bücher las. Und sie hat immer klassische Musik im Radio laufen lassen, hat mir alles erklärt und mitgesungen und mich ganz früh an diese Dinge gebracht, die heute noch mein Leben prägen.

Zur gleichen Zeit, als im ZDF der Eklat um Sie und Ihre Sendung „Lesen!“ tobte, wurden Sie mit dem Hans-Bausch-Mediapreis des SWF ausgezeichnet, „als glaubwürdige Botschafterin der Kunst und Kultur für viele Menschen“. Was bedeutet Ihnen dieser Preis?
In der jetzigen Situation ganz besonders viel. Weil ich weiß, dass ich genau das bin: glaubwürdig. Wir hatten großen Erfolg mit der Sendung „Lesen!“. Die Sendung hat Menschen ans Lesen gebracht, sie hat den Verlagen, dem Buchhandel geholfen, es wurden Millionen von Büchern verkauft.

Nach welchen Kriterien sind Sie bei der Auswahl vorgegangen?
Mir war klar, dass ich einfach und emotional anfangen muss, sonst habe ich nach den ersten drei Sendungen die meisten Leute vergrault. Mit Eric-Emmanuel Schmitt und François Lelords Hector-Romanen habe ich viele Menschen angesprochen – die „Blumen des Koran“ von Schmitt wurden 500.000-mal verkauft. Das sind die Bücher, die wichtig sind, um die Leute erst mal ans Lesen zu bringen. Und dieses Publikum ist dann dabeigeblieben. Das erste Jahr war das Rattenfängerjahr. Danach konnte ich nachlegen.

Heißt das, Lesen ist unabhängig von Bildung?
Nein. Es gibt Bücher, die kann man nur verstehen, wenn man eine gewisse Bildung hat. Doch was ich erreichen wollte und immer noch will, ist, dass die Menschen wissen: Lesen ist wunderbar und es ist für jeden etwas dabei. Ohne Hochmut. Nicht jeder kann „Ulysses“ lesen. Aber jeder kann „Die Toten“ oder die „Dubliner“ von James Joyce lesen. „Ulysses“ ist ein Experiment, ein Brühwürfel, aus dem sich jeder eine Suppe kochen kann, der schreibt. Aber es ist nicht für jeden lesbar. Thomas Manns „Buddenbrooks“ ist für jeden lesbar, sein „Zauberberg“ ist es nicht. Die Dialoge sind zu kompliziert. „Anna Karenina“ kann jeder lesen, „Madame Bovary“ kann jeder lesen.

Könnten Sie ein Ranking bilden mit den drei wichtigsten Büchern in Ihrem Leben?
Die drei wichtigsten kann ich deshalb nicht nennen, weil sich mein Leben fortwährend ändert. In Zeiten, wo ich unglücklich bin, krank, alleine oder jung war, dumm und verliebt oder alt, weise, gelassen oder zornig bin, in Zeiten des Hochs oder des Tiefs, im Sommer oder im Winter sind es andere Bücher. Es gibt Bücher, die ich wichtig finde, die ich jedem Menschen empfehlen würde zu lesen, und es gibt solche, die mir persönlich wichtig sind. Das sind Bücher, nach denen mich hungert. Die zeigen mir wieder, wo es langgeht.

Wollen Sie uns welche nennen?
Fernando Pessoas „Buch der Unruhe“ ist meine Bibel. Ennio Flaiano, der alle Drehbücher für Fellini geschrieben hat, gehört zu meinem Leben: „Alles hat seine Zeit“, erschienen in meinem Geburtsjahr 1943. Ein großartiges Buch über das, was Kolonialismus anrichtet. Ähnlich wie Le Clézio, aber düsterer, härter. Jedem Menschen würde ich „Die Wand“ von Marlen Haushofer empfehlen. Ein Buch über Einsamkeit, Alter, über Mut, das verlorene Paradies, über unser Verhältnis zur Natur und zu Tieren, über das, was wir alles schon vergessen haben, über Ursprünglichkeit, und vor allem über Aggressivität zwischen Männern und Frauen. Ein unglaubliches Buch. Ein Monolith. Das müssen Sie lesen. Es verändert Ihr Leben.

Lesen Frauen anders als Männer?
Ich behaupte, Männer wissen nicht wirklich, wie wir Frauen fühlen und denken. Das habe ich bei Ruth Klüger gelernt. Sie hat ein Buch geschrieben mit dem Titel „Frauen lesen anders“. Frauen lesen nicht nur mehr, sie lesen anders und sie schreiben

deswegen auch anders, weil sie einen anderen Blick auf die Welt haben. Frauen sind mehr an Fiktion interessiert. Männer an Biografien, Sachbüchern. Die lesen schon auch, die sind nicht dümmer. Die sind nur völlig anders gestrickt. Männer lesen Paul Bowles, Frauen lesen Paul Bowles und Jane Bowles. Das macht es manchmal so schwierig. Und das hat es mir mit den Programmdirektoren schwierig gemacht. Die wissen gar nicht, was Literatur im Verhältnis der Geschlechter zueinander bedeutet und im Verständnis der Welt, in der wir leben. Für die war „Lesen!“ ein Ehrgeizprojekt, für mich war das ein Seelenprojekt.

Was bedeutet für Sie
… Erfolg?
Ist schön, erleichtert das Arbeiten, ist aber zum glücklichen Leben nicht nötig.

… Macht?
Interessiert mich nicht. Ich registriere, dass ich sie habe, und ich missbrauche sie nicht.

…Prominenz?
Ist sehr lästig. Wenn man ins Fernsehen kommt, ist man prominent. Ich kann nicht mit einer Tüte überm Kopf moderieren. Damit muss ich leben.

…Glaubwürdigkeit?
Habe ich, glaube ich, zu 100 Prozent. Weil ich so undiplomatisch bin, dass es knallt.

…Bücher?
Ohne geht’s nicht. Sie umgeben mich, ich lebe mit ihnen. Früher habe ich sie gesammelt wie ein Hamster die Nüsschen. Jetzt gebe ich jeden Monat hunderte weg, unterstütze Bibliotheken damit. Und bewahre nur die, die mir wichtig sind.

… Musik?
Unverzichtbar. Ich könnte eher auf Bücher verzichten als auf Musik. Bücher erreichen schon auch meine Seele, aber doch sehr meinen Kopf. Sie sind meine Lebenshelfer. Musik ist mein ganzes Glück, meine Liebe, mein Einsinken, mein Ein und Alles. Ohne Goethe geht, ohne Bach geht nicht.

… Katzen?
Wer liest, hat immer Katzen. Weil man viele Stunden still sitzt, und da ist es herrlich, wenn jemand neben einem liegt und schnurrt und brummt. Wunderbare Tiere, frei und unabhängig.

… Kinder?
Wollte ich nie haben und das habe ich auch nie bereut. Das war ein Entschluss nicht gegen Kinder, sondern für mein Leben ohne Kinder. Ich wollte nicht Mutter sein. Ich wusste, dass das die stärkste Abhängigkeit ist, die es im Leben gibt. Ich wollte nicht so sehr an einen Menschen gebunden sein, dass ich mich nie mehr lösen kann.

… Liebe?
Hat es in meinem Leben immer genug gegeben und gibt es noch genug.

… Tod?
Das Sterben fürchte ich, wenn es qualvoll, lang und entsetzlich ist, aber den Tod fürchte ich gar nicht. „Ich bin nicht schauerlich, bin kein Gerippe, (…) ein großer Gott der Seele steht vor dir“ lässt Hugo von Hofmannsthal den Tod sagen. Ich bin da wie Ilse Aichinger: Er soll nur kommen und dann ist gut. Tür zu. Schluss.

Keine Wiedergeburt?
Um Gottes willen keine Wiedergeburt.

Sie haben immer wieder die Rollen gewechselt: Else Stratmann, Literaturkritikerin, Moderatorin, Schriftstellerin. Was kommt jetzt?
Ich tendiere gerade weg vom literarischen Schreiben hin zur Oper. Ich habe zwei kleinere Opernlibretti geschrieben, jetzt ein großes für die Oper „Adrianas Fall“. Es ist ein Auftrag der Kölner Oper, zusammen mit einem jungen Komponisten, Marc-Aurel Floros. Wir haben den Auftrag bekommen, eine moderne Oper zu schreiben, ein neuer Stoff. Keine Adaption. In dem Libretto habe ich viele Zitate quer durch die gesamte Literatur versteckt. Es geht um die Liebe, wie in fast allen Büchern. Und am Ende wird gestorben. Diese Gemeinschaftsarbeit ist für mein Gefühl das Wichtigste, was ich bisher gemacht habe. Weil ich die Oper so liebe.

Und was ist mit dem vor einigen Wochen angekündigten Verlag Elke Heidenreich?
Das ist nicht das Richtige. Ich möchte nicht auf die andere Seite wechseln, möchte keine Unternehmerin werden. Ich möchte auf der Künstlerseite bleiben. Insofern werde ich nicht Verlegerin, sondern Herausgeberin. Ich mache ab nächstem Jahr eine Edition: Musik in Büchern. Quer durch alle Genres, Romane, Biografien, Sachbücher. Jeden Monat ein Buch.

Sie sind jetzt 65 Jahre alt. Was wird für Sie immer wichtiger?
Gefühle: Musik, Tiere und meine engsten Freunde. Immer unwichtiger werden zum Beispiel Erfolg, Karriere, Statussymbole, Glamour, Autos, Schmuck, Urlaub.

Wie fühlen Sie sich?
Mein Leben ist schön im Moment, wie es jetzt ist. Ich sitze im Haus, mit meiner Katze, und habe das Gefühl, mein Leben ist aus vielen glücklichen Augenblicken, wenn ich sie aneinanderreihe, ein glückliches Leben geworden. Das erstaunt mich. Das hätte ich bei mir nicht gedacht. Ich war so viel krank, habe so viel Mist erlebt in meinen ersten 20 Jahren, dann das Scheitern von zwei Ehen, es war reichlich. Aber jetzt, wenn ich zurückgucke, denke ich: Hast du ein Glück gehabt. Und jetzt bin ich eigentlich ganz vergnügt.

Gibt es etwas, das Sie jungen Menschen mit auf den Weg geben wollen?
Außer, dass sie lesen sollen, weiter lesen sollen, habe ich ihnen nichts zu sagen. Man muss alles selber machen. Die Bücher helfen. Die Bücher erklären die Welt. Was soll ich Ratschläge geben? Die Welt sieht so anders aus als zu der Zeit, als ich 15, 16 war. Das würde ich mir gar nicht anmaßen.

© Irene Nießen, 2008

Elke Heidenreich: „Eine Reise durch Verdis Italien“
Frederking & Thaler, 2008

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