MedienbueroNiessen

Im Gespräch mit Ralph Giordano (2007)

<< zurück

„Ich werde mich weiter einmischen“

Geboren 1923 in Hamburg als Sohn eines italienischstämmigen Vaters und einer jüdischen Mutter, ist sein Schicksal in Nazideutschland vorgezeichnet. Ralph Giordano kam davon. Mit knapp 84 Jahren legt der große Humanist 2007 seine „Erinnnerungen“ vor.

Sei bezeichnen sich als einen „Davongekommenen“. Ist das der rote Faden, der sich durch Ihr Leben zieht?
Ich bin davongekommen in mannigfacher Beziehung. Allein dass ich die Nazizeit überlebt habe, wird für mich ein Wunder bleiben, über das ich nicht hinwegkomme. Im guten Sinne hinwegkomme. Aber auch belastet dadurch, dass andere, die in einer ähnlichen Lage waren wie ich, nicht davongekommen sind, Millionen. Ich habe alle Höllen des Luftkriegs erlebt, die „zweite Gefahr“, wie wir es nannten. Die Bomben unserer Befreier machten keinen Unterschied zwischen Verfolgern und Verfolgten.
Ich bin davongekommen trotz meines politischen Irrtums, 1946 der KPD beizutreten. Das hätte anders ausgehen können, wäre ich nicht 1957 auf Karl Marx, den Herausgeber der „Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung“ und väterlichen Freund gestoßen, der mich in der Ära des Kalten Krieges aufgefangen hat. Schließlich war ich ja als kommunistisch-stalinistischer Publizist hervorgetreten.
Und in meinen 25 Fernsehjahren von 1964 bis 1988, in denen ich in 38 Ländern Asiens, Afrikas, Lateinamerikas und Europas war, befand ich mich in mancherlei Gefahr, wenn ich über Hunger, Armut, Folter, Slums berichtet habe. Es war eine großartige Zeit, aber auch eine ununterbrochene Konfrontation mit der Weltarmut.

Seit Ihrer Folterung bei der Gestapo in Hamburg leiden Sie an Klaustrophobie. Trotzdem haben Sie sich für Ihre Reportagen immer wieder ins Flugzeug gesetzt, sich permanent dieser Angst ausgesetzt. Warum?
Diese Reisen waren etwas, das ich mir nie hätte träumen lassen. Ich konnte plötzlich in die Welt hinausfliegen, und ich durfte dort machen, was ich wollte – ich hatte vom WDR Pleinpouvoir. Die Freude an der Arbeit war größer als die Angst vor geschlossenen Räumen, damit habe ich meine Klaustrophobie in Schach gehalten. Jedenfalls über eine lange Zeit.

Zu den Spätfolgen der Nazizeit gehörte auch ein chronisches Magenleiden.
Es begann 1959. Ich habe 21 Jahre unter unsäglichen Schmerzen gelitten, ehe ich mich im September 1980 operieren ließ. Man fand etwa 100 Geschwüre, die strahlenförmig vernarbt waren und den Magenausgang immer weiter zusammengezogen hatten. Wäre diese Krankheit nicht besiegt worden, hätte ich nicht die Kraft für das gehabt, was nach meiner Pensionierung beim WDR im Jahre 1988 begann: mein Leben als Schriftsteller.

Warum haben Sie sich nicht eher operieren lassen?
Ich war lange Zeit Freiberufler und hatte Angst, dass bei der Operation etwas schief gehen könnte und meine Frau Helga dann nicht versorgt gewesen wäre. In dem Moment, als mich der WDR fest angestellt hat – das war 1980 und ich war 57 -, habe ich mich der Operation unterzogen – und war zum zweiten Mal geboren.

Zu einer Zeit, in der andere langsam in Rente gehen, haben Sie voll aufgedreht und 17 Bücher in 20 Jahren geschrieben.
Es war, als würden die Gesetze der Schwerkraft für mich nicht mehr gelten. Da war eine Quelle angestochen, die bis heute sprudelt.

Trotz dieser Bilanz werden Sie in erster Linie als Autor Ihrer Familien- und Verfolgtensaga „Die Bertinis“ genannt.
Ungerechterweise, sozusagen, weil alle meine Bücher „Giordanos“ sind und ohne Ausnahme aus der Tiefe meiner Biografie kommen. Ob es sich um „Die zweite Schuld oder Von der Last Deutscher zu sein“, „Israel, um Himmels willen, Israel“, „Sizilien, Sizilien!“ oder „Ostpreußen ade“ handelt, um nur sie aufzuzählen. Jedes von ihnen behandelt einen Teilabschnitt meines Lebens.

Was unterscheidet die Memoiren von den vorangegangenen Büchern?
Sie haben mich vor eine ganz neue Dramaturgie gestellt, handelt es sich doch diesmal um eine Beschreibung des gesamten Daseins bis hinein in die Mitte des neunten Lebensjahrzehnts. Das war eine neue Sichtweise.

Können Sei ein Beispiel dafür nennen?
Dass ich Empathie empfinde. Im Laufe meines Lebens hat sich mein Gefühl der absoluten Isolation gewandelt hin zu einem langsamen Verständnis für Schicksale, die nicht zu meiner eigenen Schicksalsgruppe zählen, also Anteilnahme für Menschen, die in den bedrohtesten Jahren meines Lebens auf der anderen Seite standen, aber auch Schlimmes erlebt hatten.

Sie sprechen von Ihrer persönlichen Rehumanisierung. Was bedeutet das?
Ein solches System entmenschlicht nicht nur seine Anhänger, sondern auch seine Gegner. Wenn man jahrelang so bedroht war wie wir, vogelfrei war, hat man kein Unrechtsbewusstsein bei dem Gedanken, Leute, die meiner Familie und mir solches Elend zugefügt haben, zu töten. Als es nach der Befreiung dann so weit war, konnte ich nicht abdrücken. Aber dennoch hat es seine Zeit gedauert, bis ich zur Menschlichkeit zurückgefunden habe.

Im Januar 1942, da sind Sie 18, fassen Sie den Entschluss, den Rohstoff des eigenen Lebens zur literarischen Vorlage für einen Roman zu machen. Es ist der Beginn der „Bertinis“.
Ich hatte ein waches Bewusstsein dafür, was mir da, um den Preis des eigenen fürchterlichen Schicksals, in den Schoß fiel. Denn keine dichterische Phantasie konnte sich ausmalen, was es hieß, als Jude in Hitlerdeutschland zu leben. Nicht, weil wir uns auf die Straße stellten und „Nieder mit Hitler“ brüllten. Sondern einfach, weil es uns gab – unser Verbrechen war unsere körperliche, unsere biologische Existenz.

War Ihnen das zu der Zeit bereits klar?
Die Erkenntnis ist sicher schleichend gekommen, aber ab 1938 war sie da. Unser zentrales Lebensgefühl war die Furcht vor dem jederzeit möglichen Gewalttod, eine Furcht, die so elementar war, dass ich sie bis heute spüre.

Dennoch machen Sie den Eindruck eines furchtlosen Menschen.
In mancher Beziehung stimmt das. Obwohl ich ständig Morddrohungen bekomme. Darunter solche mit dem Tenor „Giordano, eigens für dich haben wir eine Gaskammer gebaut“. Wer so etwas schreibt, muss ein Psychopath sein, jemand, der mit der Welt total zerfallen ist. Ich will solchen Leuten keinen Millimeter nachgeben. Deshalb habe ich meinen Namen auch nicht aus dem Telefonbuch nehmen lassen. Noch einmal abtauchen? Kommt nicht infrage.

In Ihren Memoiren sprechen Sie von der uralten Begierde, andere mit dahin zu nehmen, wohin Sie gehen. Sind Sie Aufklärer, Missionar, Weltverbesserer?
Unverschämterweise war ich immer davon überzeugt, dass ein Öffentlichkeitsbedürfnis vorliegt für das, was ich erlebte. Und das stimmt ja auch. Ist mein Leben doch geprägt von Mächten, die die ganze Welt angehen. Nationalsozialismus, Stalinismus, Faschismus, die großen Probleme der Dritten Welt, die ich in meinen Filmen gezeigt habe. Aber ich individualisiere die Themen. Meine Kraft, meine Stärke liegt in meiner Fähigkeit, Gefühle zu zeigen. In einem Land, in dem das eher ungewöhnlich ist.

Das setzt voraus, dass Sie den Menschen äußerst zugewandt sind.
Das bin ich. Das haben die Nazis nicht zerstören können.

Als Siebenjähriger empfinden Sie erstmals das, was Sie als Ihre eigentliche Natur definieren: „Bist du freundlich zu ihnen, dann sind sie freundlich zu dir.“
Ich wollte natürlich dazugehören. Die Zugehörigkeit ist überhaupt eine Problematik, die mich mein ganzes Leben lang verfolgt. Es ist die alte Furcht vor Liebes- und Freundschaftsverlust. Resultierend u. a. aus der frühen Erfahrung mit meinem besten Feund Heinemann, der sagte: „Ralle, mit dir spielen wir nicht mehr. Du bist Jude:“ Unverwindbar.

Sie sprechen von der „großen Kraft“ als etwas für Sie Konstituierendes.
Ich habe sie erstmals als Junge gespürt, als ich, um meinen älteren Bruder zu schützen, mich einem sehr viel kräftigeren Jungen entgegengestellt habe. In dem Moment, wo ich sehe, dass jemand schwach ist, bedroht, kommt ein unwiderstehlicher Drang in mir hoch, einzugreifen. Eine Art Helferzwang. Lange Zeit habe ich diese „große Kraft“ auf meine Mutter konzentriert, die ja als Jüdin am gefährdetsten war. Später auf Helga, meine erste Frau, die 1984 starb, und auf Röschen, meine zweite Frau, die 2002 starb, beide an Krebs.

Können Sie Hilfe annehmen?
Von meiner Natur her bin ich Aktivist. Und dieser Helferzwang ist stärker als die Furcht, dass mir etwas passieren könnte. Aber natürlich habe ich Hilfe angenommen, immer wieder.

Wie verhält es sich heute mit Ihrem Zugehörigkeitsgefühl?
Ich bin mit vielen Preisen ausgezeichnet worden und will nicht verhehlen, dass mir diese Anerkennungen gutgetan haben. Zugehörigkeit ist ja eine zweiseitige Sache. Was ich heute weiß: Ein Leben ohne Deutschland, ohne die Auseinandersetzung mit Deutschland, ist für mich nicht denkbar.

Es gibt seit 1998 den „Bertini-Preis“, benannt nach Ihrem Buch. Damit zeichnet die Stadt Hamburg Schülerinnen und Schüler für eine humane Tat aus.
Wer „Die Bertinis“ kennt und weiß, wie ich als Junge durch Hamburg geschlichen bin, kann ermessen, welcher Abstand besteht zwischen dem damaligen Grauen und der alljährlichen Verleihung an junge Menschen, die für ihre Zivilcourage ausgezeichnet werden – wunderbare Stunden.

Ihre Memoiren enden mit der Aussage, Sie seien ein Glückskind. Trotz allem?
Ja, denn alles, was ich wollte und was im Rahmen meines Leistungsvermögens liegt, habe ich erreicht. Der kreative Kreisel dreht sich immer weiter. Ob ich noch ein Buch schreibe, weiß ich nicht. Aber ich werde mich auch künftig einmischen. So, wie ich es mein Leben lang getan habe.

© Irene Nießen, 2007

Ralph Giordano: „Erinnerungen eines
Davongekommenen“, Kiepenheuer & Witsch, 2007

<< zurück