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Im Gespräch mit Jonathan Safran Foer (2005)

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„New York ist eine kleine Welt“

Mit dem Roman „Alles ist erleuchtet“ gelang dem Amerikaner Jonathan Safran Foer ein fulminantes Debüt. In seinem zweiten Buch „Extrem laut und unglaublich nah“ verarbeitet der Autor das Trauma des 11. September 2001.

Sie waren mit Ihrem ersten Buch sehr erfolgreich. Hat Sie das beim zweiten belastet?
Überhaupt nicht. Mein erstes Buch habe ich an etwa sechs Agenten geschickt, und sie haben es alle abgelehnt. Dann fand ich eine Agentin, die es an fünf oder sechs Verlage geschickt hat, und die haben es ebenfalls alle abgelehnt. Dann wurde sie krank und ich musste mir jemand neuen suchen. Schließlich habe ich es an weitere drei Agenten geschickt, die es ebenfalls ablehnten.

Wie ging es Ihnen dabei?
Das ist einfach niederschmetternd. Weil man sich fragt, warum einem etwas gefällt und anderen nicht. Warum man über eine Sache lacht und andere es nicht tun. Irgendwann stieß ich auf meine jetzige Agentin, und plötzlich wurde das Buch ein Riesenerfolg. Genau das gleiche Buch, das von so vielen abgelehnt wurde. Dabei habe ich sehr früh meine erste wichtige Lektion gelernt. Der Erfolg eines Buches hängt nicht unbedingt mit seiner Qualität zusammen. Es gibt wunderbare Bücher, die keine Leserschaft finden, einfach weil sie nicht veröffentlicht werden. Und dann schauen Sie auf die Bestsellerliste: Das meiste davon möchte man nicht mal schreiben.

Haben Sie Glück gehabt?
Sehr. Ich hätte ja auch sagen können, zehn Ablehnungen sind genug, mein Buch ist offenbar nicht für die Welt gedacht. Und hätte meine jetzige Agentin nie getroffen.

Was ist Ihre Moral aus dieser Geschichte?
Am Ende zählt das, was man selbst für gut hält. Wenn man schon mit der Absicht daran geht, ein erfolgreiches Buch zu schreiben, dann verstellt man sich. Dann schreibt man auf eine Erwartungshaltung hin.

Was für ein Gefühl hat Sie beim Schreiben getrieben?
Ich wusste, was ich sagen wollte, und ich habe es gesagt. Ob es das ist, was jemand anderes lesen möchte, steht auf einem anderen Blatt. Für mich geht es beim Schreiben darum, das Innere nach außen zu bringen. Ich weiß, dass viele Schriftsteller das anders sehen. Dass sie sagen, beim Schreiben geht es ums Geschichtenerzählen oder Unterhalten. Natürlich gehört das dazu. Aber es ist für mich nicht der springende Punkt.

Wie geht es Ihnen beim Schreiben selbst?
Es ist das Härteste überhaupt, das ich mir vorstellen kann. Und es ist das Beste, was ich mir für mich vorstellen kann. Niemand hat gesagt, dass die guten Dinge einfach sind. Alles, was ich wirklich wertschätze, ist hart. Früher habe ich gedacht, wenn etwas schwer ist, dann muss daran was falsch sein. Heute denke ich, wenn etwas besonders hart ist, dann hat es auch was Gutes.

Lässt sich das verallgemeinern?
Ich weiß nicht, was andere denken. Was ich aber am Schreiben besonders mag, ist, dass es immer auch das Vertrauen beinhaltet, dass das, was für einen selbst wahr ist, auch für jemand anderen wahr ist oder sein kann. Dass etwas, was mich zum Lachen oder Weinen bringt, auch andere zum Lachen oder Weinen bringt. Ich glaube, dass dieses Vertrauen ganz wichtig ist, nicht nur beim Schreiben von Romanen. Es betrifft das Vertrauen in die Welt. Viele der Probleme in der Welt haben damit zu tun, dass die Menschen glauben, sie hätten nichts miteinander zu tun. Aber das stimmt nicht. Ein Amerikaner kann über die gleichen Sachen lachen wie ein Iraker. Wenn man Äußerlichkeiten beiseite lässt – Hautfarbe, Sprache, Einkommen – bleibt oft genügend übrig, was man tief im Innern teilt. Was im Moment so traurig ist: Schaut man auf die Welt, so wird alles auf einer politischen Ebene betrachtet. Hier die Amerikaner, dort die arabische Welt. Mein Nachbar stammt aus dem Libanon. Hat das eine politische Bedeutung?

In Ihrem neuen Buch gibt es drei kollektive Tragödien. Hiroshima, die Zerstörung Dresdens und den 11. September 2001. Was wollen Sie damit aufzeigen?
In meinem Buch geht es um Individuen. Um absolut individuelle Fälle, was es für den Einzelnen bedeutet, in den Nach- wirkungen dieser fürchterlichen Ereignisse weiter zu leben. In Amerika herrschte nach dem 11. September der Eindruck, das sei das Schlimmste, was je auf der Welt passiert ist. Das ist ohne jeden historischen Kontext betrachtet. Es war im Grunde noch nicht mal das Schlimmste, was in diesem Jahr geschah. Alles ist eine Frage der Perspektive.

Glauben Sie, dass die Amerikaner diese Botschaft hören wollen?
Wir haben eine Person in Amerika, die in absoluten Begriffen spricht. Gut, böse. Es ist hart, weil es einen Mangel offenbart, Dinge aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten.

Ihr Buch ist eine Art Collage mit Fotografien, Bildern und manchmal nur einzelnen Sätzen auf einer Seite. Warum diese Form?
Die Form folgt dem Inhalt. Der Protagonist, der neunjährige Oskar, hat eine blühende Phantasie. Das wollte ich auch optisch zeigen. Und ich wollte etwas zeigen, was es so noch nicht gab: Der 11. September ist das visuell am umfassendsten dokumentierte Ereignis in der Geschichte.

Wo waren Sie am 11. September?
Ich war drei Monate in Spanien gewesen und kam am 8. September nach New York zurück. Ich war so froh, wieder daheim zu sein, in meinem eigenen Bett zu schlafen, in meinem eigenen Wohnzimmer fernzusehen.

Was geschah dann?
Die erste Reaktion war: Verwirrung. Was ist hier los? Die zweite Reaktion: alle anzurufen, die ich kenne, ob sie okay sind. Die nächste Reaktion für eine lange Zeit war Angst. Gefühle kamen nicht richtig raus. Traurigkeit wurde öffentlich nie richtig gezeigt. Das ist einer der Gründe, warum ich den Roman geschrieben habe. Es geht um Traurigkeit. Trauer über Verlust. Dass Menschen dabei ihr Leben verloren haben. Dass sich die Welt in diese Richtung geändert hat.

Die Hauptperson ist ein neunjähriger Junge, der beim 11. September seinen Vater verloren hat.
Trauer ist in diesem Zusammenhang ein sehr politisches Gefühl. Man möchte das Kind vor Traurigkeit beschützen.

Sie werden in einem Atemzug mit Philip Roth, Jonathan Franzen, J. D. Salinger genannt. Wie fühlen Sie sich in dieser Reihe?
Ich muss lachen. Philip Roth ist mein Hero. Dass uns jemand in einem Atemzug erwähnt, davon hätte ich nicht mal geträumt. Außerdem ist es vorschnell, so etwas zu sagen. Für Philip Roth ist nicht bezeichnend, wie er schreibt, sondern wie er sich im Laufe seiner Karriere verändert hat. Er hat den Leuten immer wieder gezeigt, dass sie falsch liegen. Mal haben die Menschen seine Bücher geliebt, dann gehasst. Mal feierte man ihn als Genie, mal hielt man ihn für einen Idioten. Er hat Sachen ausprobiert und hat sich einfach weiter verändert. Und am Ende ist er Philip Roth. Er ist er selbst. Um das zu sein, muss man lange schreiben. Nach sechs Büchern werde ich hoffentlich ein besseres Verständnis von mir als Schriftsteller haben. Mit meinen beiden Büchern habe ich gerade erst angefangen.

Welche charakteristischen Eigenschaften muss ein Schriftsteller haben?
Ich kann nur für mich sprechen. Energie ist das Wichtigste. Mentale Energie, emotionale Energie. Schreiben ist erschöpfend.

Michael Cunningham, Booker-Prize-Träger 1999, hat über Sie gesagt: Aus 100 Sätzen findet man den heraus, den Jonathan Safran Foer geschrieben hat.
Das freut mich natürlich, weil es genau das ist, worum es mir geht: etwas zu schreiben, das notwendig, originell, wahrhaftig ist.

Ihr Buch erschien im April in New York. Wie war die Reaktion?
Warum auch immer, es gibt in New York eine Menge Leute, die mich hassen. Das Interessante ist, dass Besprechungen von Journalisten, die in New York leben, durchgängig schlecht sind. Solche von Journalisten, die außerhalb leben, sind durchgängig gut. Es ist das Merkwürdigste, was mir passiert ist. New York ist eine kleine Welt. Und sie nährt sich selbst. Leute schreiben Bücher und sind zugleich Rezensenten. Das ist geschmacklos. Ich freue mich darauf, mit den Menschen in Europa zu diskutieren, wenn das Buch dort erscheint.

Was ist der Unterschied zwischen der Rezeption in Amerika und der in Europa?
In Amerika wird über Bücher gesprochen, als wäre es ein Business. In Europa, als wäre es eine Kunst.

© Irene Nießen, 2005

Jonathan Safran Foer: „Extrem laut und unglaublich nah“
Kiepenheuer & Witsch, 2005

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