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Im Gespräch mit Alessandro Baricco (1998)

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„Man kann niemandem beibringen, wie man einen Roman beginnt“

In Italien gilt Alessandro Baricco schon seit Jahren als Kultur- und Medienstar. Sein erster ins Deutsche übersetzter Roman, „Seide“ (Piper Verlag), wurde auch hier ein Bestseller. Ein Gespräch mit dem Autor über Musik, Literatur und Untreue.

„Seide“ ist zwar nicht Ihr erstes, aber Ihr erfolgreichstes Buch. In Italien werden Sie als „Kultautor“ gefeiert. Sind Sie bewußt Schriftsteller geworden?
Ich habe immer schon geschrieben. Als Journalist, als Kritiker, ja sogar als Ghostwriter für Politiker. Ich habe viele verschiedene Sachen verfaßt, nur keine Literatur. Als ich das erste Mal darüber nachgedacht habe, wirklich zu schreiben, war ich dreißig. Eines Abends habe ich mich hingesetzt und einfach mit meinem ersten Buch begonnen. Ein dickes Buch, ein wunderbares Buch. Ich hatte keine Zweifel. Es ging alles ganz einfach und natürlich. Ich habe nicht geplant, Schriftsteller zu werden. Ich habe mir überlegt, ein Buch zu schreiben, und es einfach getan.

„Seide“ wirkt wie eine musikalische Komposition, beschwingt und federleicht. Wie ist Ihr Verhältnis zur Musik?
Ich habe Musik studiert, mich als Musikkritiker auf Klassische Musik spezialisiert, ein Buch über Rossini und eines über Neue Musik verfaßt. Ich weiß, daß mein Schreiben musikalisch ist, aber wie genau dies funktioniert, vermag ich nicht zu sagen. Wenn sich beim Schreiben keine Musik entwickelt, schreibe ich nicht.

Sie setzen also Musik in Sprache um.
Ja. Manchmal ist es ein Transfer von Strukturen. Nehmen Sie zum Beispiel die Form des Rondo, die in meinen Büchern oft vorkommt. Ich liebe diese musikalische Form. (Er liest eine halbe Seite aus seinem Buch und bewegt dazu eine Hand wie ein Dirigent.) Was ich mich allerdings immer wieder frage, ist, wie man meine Musik nehmen und sie in einer anderen Sprache spielen kann.

Ist es schwierig, genau diese Art musikalische Literatur zu schreiben?
Nein, überhaupt nicht. Das ist natürlich. Ich erkenne die richtige Musik. Das kann man nicht lernen. Das ist eine Art von Begabung.

Und wie ist es mit dem Schreiben? Sie unterrichten in Turin an einer Schule für Menschen, die Schriftsteller werden wollen.
Ich glaube, daß man Schreiben nicht wirklich unterrichten kann. Was ich tun kann: den Leuten zu helfen, ihr Schreiben zu entdecken. In diesem Sinne ist die Schule nützlich. Ein Beispiel: Wenn Sie glauben, Talent zum Schreiben zu besitzen, ist das erste, was wir tun, Sie mit vielen verschiedenen Bereichen zu konfrontieren: Drehbuch, Werbung, Comic, Film. Erst danach fordere ich Sie auf, einen Roman zu schreiben. Man kann jemandem nicht beibringen, wie man einen Roman beginnt. In Amerika gibt es eine Romantechnik, einen Standard. Aber nicht in Europa. Es gibt nicht den einen Weg, einen Roman zu schreiben.

Ihre Schule – Sie sind einer von den fünf Gründern – heißt „Scualo Holden“. Holden ist die Hauptfigur in Salingers Roman „Der Fänger im Roggen“.
Der junge Holden wird aus allen Schulen rausgeschmissen, er haßt Schulen. Wir wollten eine Schule schaffen, wo sich alle aufgehoben fühlen. An den Universitäten herrscht Mangel, was das Schreibenlehren betrifft.

Unterrichten Sie, weil Sie müssen oder weil Sie wollen?
Ich verliere Geld bei diesem Job. Einerseits. Und es ist nicht lustig. Aber es ist nützlich. Ich kann nicht nonstop schreiben. Dabei würde ich verrückt werden. Deshalb brauche ich noch etwas anderes. Unterrichten ist gut. Und es ist nicht öffentlich. Ich habe Kontakt zu jungen, ernsthaften Leuten. Manchmal schreibe ich für Zeitungen, und wenn ich schnell schreibe, schreibe ich auch schon mal dumme Sachen. Wenn ich dann am nächsten Tag in die Schule komme, kann ich meinen Studenten vom Gesicht ablesen, daß ich dummes Zeug geschrieben habe.

Fällt es Ihnen schwer, von Ihren Studenten Kritik anzunehmen?
Ja, manchmal schon. Aber es ist in Ordnung. Ich ziehe die Kritik durch meine Studenten anderer Kritik vor.

Woran orientieren Sie sich beim Schreiben?
An Sport beispielsweise. Geschwindigkeit ist für das Schreiben sehr wichtig. Man muß sich entscheiden, in welcher Geschwindigkeit man mit den Worten arbeitet. Reduziert zu schreiben ist viel schwieriger und zeitaufwendiger als ausschweifend. Ein Jahr habe ich über das Thema nachgedacht, ein Jahr geschrieben. Manchmal nur drei Sätze am Tag.

Wen haben Sie beim Schreiben im Blick, sich selbst oder den Leser?
Ich schreibe für mich als Leser. Ich schreibe nicht für mich an sich. Ich habe immer das Bild eines Lesers vor Augen und spreche zu ihm. Es ist wie ein Schachspiel mit dem Leser. Man muß genau wissen, wohin er geht. Es ist ein Duell.

„Seide“ ist ein Buch über Wiederholung. Baldabiou ist die einzige Person in dem Roman, die das Prinzip der Wiederholung durchbricht.
Die meisten Menschen bewegen sich in Kreisen. Einer von hundert durchbricht einen solchen Kreis.

Und es ist ein Buch über Untreue.
Die Musik zu dieser Geschichte ist eine Musik, die es selten in meinen Büchern gibt. Untreue ist ein Ort, an dem wir alle zuhause waren. Ein Ort des Geistes, des Begehrens. Ich glaube, es gibt niemanden, der dort nicht war. Ein Ort ohne Lösungen, es gibt nichts zu sagen, nur Dinge zu tun. Es gibt keine Schuldigen und keine Nicht-Schuldigen, keine guten Dinge, keine schlechten Dinge, nur das Begehren.
Es ist ein Ort, der sehr schmerzhaft ist.

© Irene Nießen, 1998

Alessandro Baricco: „Seide“
Piper, 1997

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