MedienbueroNiessen

Im Gespräch mit Friedrich Ani (2003)

<< zurück

Chronist der Wunden

Er legt den Finger in die Wunde gesellschaftspolitischer Missstände, schreibt Romane von enormer Sprengkraft. Ein Gespräch mit Friedrich Ani über die Verlierer der Wende, zwei bis zur letzten Konsequenz sich Liebende, einen gescheiterten Hauptkommissar und die Rolle des Schriftstellers im Drama.

Hauptkommissar Tabor Süden ist der Antiheld schlechthin: ein melancholischer, verlorener Mensch, etwas bleich, strähniges Haar, Bauchansatz. Er arbeitet im Dezernat 11 der Münchner Kripo, bei der Vermisstenstelle. Was reizt Sie an dieser Figur?
Die Figur habe ich schon lange vor mir gesehen, wie jemanden, den man im Nebel sieht. Sie verkörpert so ein Für-sich-Sein. Ich habe einige Eigenschaften dieser Figur lange mit mir herumgetragen und überlegt, wie ich sie in eine literarische Form bringen könnte. Bis ich auf die Idee kam, mir diese Figur zu erschreiben, so viele Geschichten über ihn, bis ich ihn näher kenne.

Wie ist das Leben mit Süden?
Auf jeden Fall aufregender. Ich bin kein großer Verreisender, außer in der Stadt nicht viel unterwegs. Mit dieser Figur komme ich den Menschen noch näher als bisher und lerne Ecken der Stadt kennen und Geschichten.

Der nimmt Sie doch nicht an die Hand und führt Sie?
Doch. Ich bin sein Medium. Eine Figur, die so dominant wird, verselbstständigt sich natürlich, hat eigene Gedanken und eine eigene Lebensform.

Greift er ein?
Wenn ich Preise für die Romane aus der Tabor-Süden-Reihe bekomme, ist das schon ein großer Eingriff. Weil ich plötzlich reisen muss, reden, Lesungen halten. Das verändert natürlich mein zurückgezogenes Zimmerleben.

Bei Ihrem Roman „Gottes Tochter“ steht Süden am Ende als Gescheiterter da. Es ist eigentlich alles schief gegangen. Die, die er retten wollte, sterben. Wie wird Süden damit fertig?
Gar nicht mehr. Das ist das Ende. Nach so einer Geschichte ist es für jemanden wie Süden unmöglich, weiterzumachen. Das ist der Supergau.

Keine Süden-Romane mehr?
Doch doch, die Taschenbuchreihe läuft ja noch, das werden ja zwölf Bände. Aber die Ereignisse darin liegen zeitlich vor dem, was in diesem Buch geschieht. Ich arbeite zeitlich versetzt. Chronologisch liegen die Taschenbuchromane vor „German Angst“ und „Gottes Tochter“.

Wo ist Gott in diesem Drama?
Gott ist immer anwesend. Aber sein Wille ist nicht immer nachvollziehbar. Damit beschäftigt sich Süden, daran reibt er sich.

Fühlt Süden sich schuldig?
Natürlich. Aber er wird begreifen, dass er es nicht ändern konnte. Dass die Schicksalhaftigkeit dieser Liebe zwischen den beiden jungen Menschen Rico und Julika nicht zu beeinflussen war.

Mit unerbittlicher Konsequenz führen Ihre Hauptfiguren Romane in die Katastrophe. Es gibt keine Schonung, keine Gnade. Warum nicht?
Ich möchte nichts vorgaukeln. Ich möchte erzählen, wie Menschen verstrickt sind in etwas, das größer ist als sie.

Gewalt gehört dazu?
Ich glaube, dass Gewalt unvermeidlich ist. Sie ist Teil unseres Wesens. Aber es gibt ja auch Schönes in diesem Buch.

Die Liebesgeschichte à la „Romeo und Julia“ ist die eine Ebene des Buches. Die zweite ist die politische Ebene. Sie zeigen die Verlierer der Wende.
Es geht um Menschen, die die Wende nicht unbeschadet überlebt haben, die sehr verwundet sind. Das ist das Einzige, das mich überhaupt an Menschen interessiert. Die Unverwundeten brauchen mich nicht, die kommen eh zurecht.

Der Schriftsteller als Chronist der Schwächeren?
Ich würde sagen: Chronist der Wunden, Chronist der Verlorenheit.

Trifft das auch auf Sie selbst zu?
Ich bin ein Wundenverwalter, und die Figuren, die ich beschreibe, sind Schatten von mir selber. Schreiben trägt dazu bei, selber zu überleben. Die „lautlosen Katastrophen der Kindheit“ werden durch das Schreiben bisweilen eine Zeit lang erträglich. Man kann die eigenen, vernarbten Wunden natürlich wieder zum Bluten bringen, ein kreativer Trick, aber lebensgefährlich. Das ist wie bei „Matrix“. Man muss rechtzeitig das Telefon finden.

Warum dieses Thema?
Ich wollte eine Liebesgeschichte schreiben, die geprägt ist von einer Wirklichkeit, die diese Liebe zerhämmert. Wie es bei Romeo und Julia ja auch ist. Zwei Häuser bekriegen sich, und daran geht die Liebe letztendlich kaputt. Zwei Menschen treffen aufeinander, die möglicherweise wirklich nicht zueinander passen, aber sie haben sich ineinander verschaut. Und wenn man sich ineinander verschaut, dann ist es nicht mehr aufzuhalten. Darum geht es. Es wird eine Liebe verhandelt in einem Land, das Deutschland heißt und offensichtlich immer noch aus zwei Wirklichkeiten besteht. Äußerlich und in den Menschen.

Wieso heißt das Buch „Gottes Tochter“
Weil ich es schön finde, dass Hölderlin – in seinem Gedicht „Die Liebe“ – die Liebe als Gottes Tochter bezeichnet. Schließlich geht es ja um die Liebe.

Es heißt, Tschechow und Simenon seien Ihre Vorbilder.
Das wird immer geschrieben, aber das sind keine Vorbilder, sondern Autoren, die mir immer schon viel bedeutet haben. Je älter ich werde und je mehr ich schreibe, umso mehr bedeuten sie mir. Simenon, Beckett, Tschechow vor allem.

Steht er Ihnen bei?
Natürlich. Unbedingt. Die letzte Ausfahrt: Tschechow. Wenn nichts mehr geht: Tschechow.

Warum?
Weil er in der Lage war, auf knappstem Raum die Menschen zu zeigen, wie sie sind, wie sie empfinden. Er ist der wahrhaftige Menschenbeschreiber, ein unheimlicher Menschenkenner. Was mich in gleichem Maße fasziniert, ist seine schriftstellerische Technik. In Briefen hat er beschrieben, wie er Erzählungen aufbaut, Figuren führt. Das begreife ich, und davon kann ich lernen.

Spätestens seit Sie mit dem Deutschen Krimi-Preis 2003 gleich dreimal ausgezeichnet wurden, sind Sie kein Unbekannter mehr. Schmeichelt der Erfolg?
Schmeicheln ist das falsche Wort. Er bestätigt meine Arbeit, macht es mir manchmal leichter, weiterzuarbeiten. Natürlich schmücke ich mich innerlich damit, aber wenn ich mich dann ans nächste Buch setze, sehe ich nichts als das leere Blatt.

Wie ist das?
Das ist ein schrecklicher Zustand, der sich merkwürdigerweise nie ändert. Das ist ein Phänomen.

Was passiert in dem Moment?
Ich möchte dann immer aufhören. Sagen, okay, das war’s, ich schreib nichts mehr.

Und dann schreiben Sie doch?
Ich harre aus. Verlasse das Zimmer nicht. Stundenlang, tagelang setze ich mich immer wieder vor das Nichts. Durchhalten. Das hat natürlich schon mit Erfahrung zu tun. Aber ich kann den Zustand nicht überspringen. Es ist einfach eine so weltumspannende Ratlosigkeit. Das ist ein Wahnsinn.

Helfen Rituale?
Schreibrituale und Lebensrituale. Ohne Rituale geht nichts. Das ist vielleicht meine katholische Herkunft.

© Irene Nießen, 2003

Friedrich Ani: „Gottes Tochter“
Droemer Knaur, 2003

<< zurück